Freie Rituale für den Kreislauf des Lebens

Freie Rituale für den Kreislauf des Lebens

Anita Bonetti aus Hard hat viele Jahre für junge Menschen und deren Anliegen gearbeitet. Seit vier Jahren tut sie dies auf ganz besondere Weise für Menschen an Lebensübergängen: Sie gestaltet Rituale.
Es war am 1. September 2013 als Anita Bonetti sich mit Ritualarbeit selbständig gemacht. Schmunzelnd stellt sie derweil ihren „freien Mitarbeiter“ vor. Der getigerte Kater mit Namens Graf Paulinus ist allgegenwärtig und wirft sich während des Interviews blechern schnurrend an die Brust seiner Besitzerin.
Den Anstoß für die Selbständigkeit gab der unerwartete Tod ihrer Mama. Anita Bonetti hatte die Möglichkeit, dank des Priesters vor Ort, den Gottesdienst umfassend mitzugestalten. Etwa zur selben Zeit machte sie sich Gedanken darüber, was es denn nach 30 Jahre Jugendarbeit mit knapp 50 für andere berufliche Betätigungsfelder für sie gäbe.
In diese Überlegungen hinein platzen ihre Töchter: „Mama, Omas Beerdigung hast du schön gemacht, mach doch sowas!“ Ihre Mutter kam ins Grübeln, informierte sich – und begann eine dreijährige Ausbildung für Ritualgestaltung. Jahre zuvor absolviert sie die Ausbildung zum „Lebens- und Sozialarbeiter“, damals, ohne genau zu wissen, wofür. Als sie ihre Selbständigkeit für die Ritualarbeit anmeldete, war er erforderlich. Rückblickend meinte Anita Bonetti, es hat sich alles irgendwie gefügt.
In ihrem beruflichen Alltag heute ist sie als freie Ritualgestalterin immer wieder sehr froh, auf einen familiensystemischen Ausbildungshintergrund zurückgreifen zu können. Übergangsrituale, egal ob Willkommens-, Hochzeits- oder Trauerfeier, sie haben immer mit Veränderungen in Familien zu tun.
Übergangsritualen machen große Veränderungen im Leben bewusst. Das geht meist mit viel Emotion einher. Als emotionale Ausnahmesituation für Angehörige erlebt Anita Bonetti immer wieder die Tage der Vorbereitung einer Trauerfeier. Da hält man inne, erinnert sich an das gemeinsam erlebte Hinterbliebenen ist es ein Anliegen, Danke zu sagen, offen gebliebenes abzuschließen um den Menschen gut gehen lassen zu können.

„Dabei geht es nicht um Bewertungen, sondern um das Entwickeln eines befriedenden Blickes auf die Beziehung, die man zum Verstorbenen hatte“, sagt die Ritualleiterin. Besonders wenn Menschen die über das Ende ihres Lebens selber bestimmten. Es passt nicht, dass ein Mensch, der ging, den Zurückbleibenden sagt, was sie zu tun hätte, dass sie jetzt eben stark zu sein hätten.
Was auch immer einen Menschen zur Entscheidung kommen lässt, selbstbestimmt zu gehen, es ist schlussendlich alleine seine Entscheidung. Er, und nur er alleine kann dafür die Verantwortung tragen. Diese Verantwortung gilt es bei ihm zu lassen. Damit erweisen wir ihm Respekt und geben ihm Würde. Es ist wichtig einen möglichen destruktiven Kreislauf zu durchbrechen, erklärt die Ritualleiterin.
Ritualgestaltung hilft emotionalem Kuddelmuddel zu ordnen. Anita (Bonetti) erinnert sich an eine Familie, die ein jüngeres Familienmitgliedes zu verabschieden hatte. Ihre größte Sorge, den Verstorbenen nicht so zu verabschieden, wie es seinem Wesen entsprach. Der Zugang zur Spiritualität ein ungewöhnlicher. Anita Bonetti ließ sich auf Heavy Metal und Feuerschalen ein. Tage zuvor Abschied am Sarg. Drei Jahre später hörte sie zufällig ein Interview mit einem Familienangehörigen, der erzählte, „das mit den Steinen“ sei für ihn das Bewegendste gewesen. „Das mit den Steinen“ war Teil des Verzeihens-Rituales, geleitet von Anita Bonetti, bei dem die Beteiligten das offen gebliebene den Steinen überlassen konnten.  
„Rituale stillen eine Ursehnsucht des Menschen. Sie bringen dem näher, was trägt und verbindet. Sie unterstützen das anbinden an etwas Größeres. ,Religio’ heißt ja im ursprünglichen Wortsinne ,Rückbindung’“, sagt die 57-Jährige. „Rituale sind die Heimat der Seele“, zitiert sie Gernot Candolini und ergänzt: „Sie gewähren Raum für diese Sehnsucht, zu freudigen wie zu schweren Anlässen.“

Die Anliegen für ein Ritual sind sehr unterschiedlich.
Rituale wirken unabhängig von religiöser, kultureller, sozialer oder weltanschaulicher Zugehörigkeit. Ich fühle mich in meiner Arbeit dem Anliegen meinen Kunden und den Grundgesetzen des Lebens in der Schöpfung verantwortlich. Missionieren ist tabu und außerdem ist man kein Guru uns kein Heiler.“
Beispiel: Das Leben und die Lieben haben eine junge Frau mit muslimischen Wurzeln und einen jungen Mann mit christlichen Wurzeln hat sie zusammen geführt. Sie heiraten und krönen ihre Liebe mit ihrem bewussten Versprechen und JA über alle Grenzen hinweg.
An dieser Stelle merkt sie die gute Zusammenarbeit mit Pfarrern an. Immer wieder wird die Gestaltung gemeinsam mit einem Priestern gewünscht. In solchen Fälle gilt: „Man muss sich seiner Rolle bewusst sein, muss wissen, was gut ist einzubringen, was gut ist zu lassen, ohne sich dabei zu verlieren. Ich sehe mich mit meiner Ritualarbeit als Ergänzung zum bestehenden Ritualangebot der Kirche. Als solches erlebe ich ein gutes Mit- und Nebeneinander, erzählt die Harderin.

 



Kreislauf des Lebens
Geboren werden, heranwachsen, Erwachsen werden, Hochzeit feiern, Eltern werden, Jubiläen feiern, Abschied nehmen sind Lebensübergänge im Kreislauf des Lebens.
In ihrer Arbeit als Ritualgestalterin ist sie dankbar für ihre Lebenserfahrung. Der Blick über den Tellerrand wird leichter. Das ist ihr persönlicher Schatz der sie frei Denken und unabhängig handeln lässt. Man sieht vieles gelassener, meint sie augenzwinkernd.
Menschen die zu mir kommen wollen ihre aktuelle Lebenssituation, ihrem Glaubensbezug entsprechend einbetten. Sie wünschen sich Segen für ihren Lebensweg.

Kinder die in einer individuellen Feier in ihre Familien eingebettet wurden, stehen inzwischen Kinder an der Schwelle vom Kind zum reifen Kind. Anita Bonetti und ihre Mitdenkerin und Pädagogin Iris Willinger-Erhart begleiten aktuell Kinder auf ihrem Weg vom Kind zum reifen Kind.
Gegen Ende des zweiten Schuljahres feiern sie mit ihren Familien und Freunden das Fest des Heranwachsens und „Groß werden‘s“. Dabei werden sie bestärkt für die wachsende Verantwortung - für sich und die Gemeinschaft.

Ritualarbeit ist bunt, vielfältig, hat mit dem Leben und seiner ganzen Tief zu tun. Dem will mit Demut begegnet werden.

 

Danke: Miriam Janeke und Anita Bonetti

 

 

 

 

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